Die vergessenen Äpfelchen

Die vergessenen Äpfelchen

Auf meinem Markt gibt es einen Bauern mit dem schönen Namen Michelangelo. Er baut noch alte Obstsorten an.

Sorbe – das vergessene Obst

Am Marktstand von Michelangelo hängen seit November immer ein paar Bündel gelber Früchte. Ich bin nicht die einzige, die stehenbleibt und nach dem Namen der unbekannten Sorte fragt.

Er freut sich über das Interesse und erzählt gerne. Die Früchte heissen sorbe und der Baum sorbo (sorbus domesticus). Auf deutsch ist es der Speierlingbaum. Michelangelo hat sechs davon. Zwei richtig alte und vier, die sein Vater vor vierzig Jahren gepflanzt hat.

Ich habe noch nie sorbe gegessen und kaufe gleich ein ganzes Bündel, es wiegt mehr als zwei Kilo. Michelangelo warnt mich allerdings: es dauert, bevor die Früchte schmecken.

Die unreifen sorbe sind sehr dekorativ

Cu lu tempu e cu la pagghia maturano li zorbi

Mit Zeit und Stroh werden die sorbe reif, so lautet das alte sizilianische Sprichwort.

Im übertragenen Sinn bedeutet es, dass alles zum Ausreifen Zeit braucht.

Das Sprichwort spielt darauf an, dass die Früchte früher nach der Ernte zum Nachreifen mit Stroh bedeckt wurden.

Michelangelo erzählt mir, dass die Bauern früher die sorbe oft auf einen Faden zogen und trocknen ließen.

Von der unreifen zur vollreifen Frucht

Die Früchte werden unreif geerntet, damit sie nicht herunterfallen oder von Tieren gefressen werden.

Sie schmecken direkt nach der Ernte sehr bitter. Genießbar sind sie erst, wenn sie braun und weich werden.  

Ich probiere das gerade mit meinen sorbe aus. Die kleinen Äpfelchen reifen übrigens nicht alle gleichzeitig, sondern nach und nach. Einige brauchen Tage, manche Wochen.

Die reife Frucht schmeckt nach Apfelmus, Quitte und auch etwas nach frischer Dattel. Die kleinen Äpfel sind nicht nur lecker sondern auch gesund, sie enthalten nämlich viel Vitamin C.  

Volllreife sorbe

Hochprozentiger sorbolino

Schon die alten Römer mochten die Frucht, Plinius und Vergil erwähnen sie. Schon damals wurde unter anderem eine Art Apfelwein damit gemacht.

In der Gegend von Mantua wird heute noch der sorbolino hergestellt, ein hochprozentiger Likör nach antikem Rezept. Angeblich servierten ihn die Fürsten der Gonzagafamilie schon um 1600 ihren Gästen.

Die reifen Früchte werden dafür einen Monat lang in hochprozentigen Alkohol eingelegt.

Ebbelwoi und Stöffche

So heisst der Apfelwein auf hessisch. Ich trinke ihn gern. Früher wurde er auch mit Speierlingfrüchten gemacht .

Diese Variante gibt es noch, sie heißt Speierling und ist im Raum Frankfurt bekannt.

Dafür wird der Saft unreifer Speierlingsfrüchte in kleiner Menge dem Apfelwein zugesetzt, dadurch bekommt er eine herbe Note.

Bei sauren Äpfeln wird weniger, bei süßen entsprechend mehr Speierlingssaft verwendet.

Der Baum des Jahres

Der Baum ist Süd- und Südosteuropa beheimatet, in Deutschland ist der Speierling vor allem im Südwesten zu finden.

Wegen seines rückläufigen Bestandes wurde der Speierling 1993 von der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald zum Baum des Jahres gewählt. Damit wurde der seltene Waldbaum mit den apfelähnlichen Früchten wieder bekannt. 

Und nicht nur das: Förster, Naturschützer und viele Pflanzenliebhaber setzten sich dafür ein, den Speierling vor dem akuten Aussterben zu retten – mit Erfolg.

Schön, dass ich beim Nachforschen über die Früchte auf dem römischen Markt auch etwas über einen Baum in meiner Heimat gelernt habe.

Wenn ich demnächst wieder einmal in Deutschland bin, werde ich beim Wandern garantiert nach dem Speierling Ausschau halten.

A presto!


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